Journalismus auf WhatsApp: Dialog statt Einbahnstraße
Messenger-Dienste, Chatbots und KI: Tasting Talk #45 beleuchtet Chancen und Herausforderungen für den digitalen Journalismus.
Messenger-Dienste wie WhatsApp sind längst Teil des Medienalltags junger Zielgruppen. Doch wie kann Journalismus auf diesen Plattformen gelingen? Diese Frage stand im Mittelpunkt des 45. Tasting Talks mit dem Titel „Vertraulich, persönlich, öffentlich?“. Expertinnen und Experten aus Rundfunk, Technologie und Wissenschaft diskutierten über technische Innovationen, redaktionelle Verantwortung und neue Wege zur Nachrichtenvermittlung.
Exklusiver Einblick ins Projekt „WhatsUpdate“ des SWR
Daniel Isengard (SWR) präsentierte das neue Chatbot-Projekt „WhatsUpdate“, das sich aktuell in der Alpha-Phase befindet. Ziel sei ein 1-zu-1-Dialogbot mit geprüften Inhalten auf Basis von SWR.de, der über WhatsApp genutzt werden kann. Das Projekt sei als Antwort auf das veränderte Medienverhalten konzipiert: „Viele wollen auch die App nicht mehr wechseln, wollen alles Mögliche in einer App haben und sind einfach gewohnt, dass alles individualisiert auf sie zugeschnitten wird.“
Isengard betonte, dass es sich um ein redaktionell angebundenes System handelt, das auf verlässliche Quellen zugreift: „Wir knüpfen unsere Inhalte an, die alle irgendwo redaktionell schon mal geprüft werden müssen und auch sind, bevor sie online gehen.“ Gleichzeitig sei Transparenz entscheidend: „Zum Start [geben wir] immer den Hinweis, dass das eben eine KI ist, mit der man chattet – und es gibt auch immer diese Tür, eine Redaktion zu kontaktieren.“
Prinzing: Messenger sind kein Königsweg – aber ein Baustein
Prof. Dr. Marlis Prinzing, Journalistik-Professorin, betonte die Bedeutung des Projekts im größeren Kontext: „Na sicher kann das eine Chance sein. Allerdings ist das natürlich kein Königsweg und man kann auch nicht sagen, dass Messenger jetzt praktisch die Lösung sind für Journalismus.“ Entscheidend sei, dass journalistische Inhalte professionell eingeordnet bleiben: „Es geht darum, dass eben ein beobachtender, professioneller Journalismus, der ein Forum bietet für die Debatte, ein entscheidender und unverzichtbarer Stützpfeiler einer demokratischen Gesellschaft ist.“
Besonders wichtig sei es, mit KI reflektiert umzugehen. „Ein ganz großer Schritt ist natürlich, dass man überhaupt das Prinzip von KI versteht und aber auch vermittelt, was KI nur ist. […] Es ist ja nicht so, dass man da tatsächlich mit jemandem spricht – das ist immer noch so ein bisschen so ein Irrtum.“
Rietz: Technik ermöglicht vertrauenswürdige, lokale Angebote
Dr. Tim Rietz (Respeak) erklärte, wie seine Firma Chatbots wie „WhatsUpdate“ technisch unterstützt. Es gehe darum, Technik so zu gestalten, dass sie glaubwürdige Quellen nutze, nachvollziehbar sei und nutzerfreundlich funktioniere: „So ein KI-Modell einzufangen – dafür gibt es Wege. Die kennen wir, da können wir unterstützen.“
Für Rietz liegt eine große Chance in der Zusammenarbeit kleiner Medienhäuser bei lokalen Inhalten: „Ich glaube, da geht es gar nicht ohne die kleinen Medienhäuser, ehrlich gesagt.“ Die Technik sei längst so weit, dass auch kleinere Anbieter eigene Messenger-Dienste betreiben könnten. Lokale Inhalte könnten dann über sogenannte „Trusted Content Pools“ verarbeitet und personalisiert ausgespielt werden.
Verlässlichkeit, Transparenz und Nutzerzentrierung als Leitplanken
Isengard betonte die Abgrenzung zu generischen Chatbots großer Plattformen: „Chatbots, die am Markt sind, die große Datenbanken angeknüpft haben, die neigen einfach zu Halluzinationen – und das können und wollen wir uns als öffentlich-rechtlicher Rundfunk nicht erlauben.“ Stattdessen soll der SWR-Chatbot ausschließlich auf eigene Inhalte zugreifen. Bei der verwendeten KI sei man noch in der Erprobung verschiedener Modelle, aktuell arbeite man mit „Gemini 2.5 Flash“, so Isengard.
Fazit
Der Tasting Talk #45 hat deutlich gemacht: Messenger-Journalismus steht erst am Anfang – doch er bietet enorme Potenziale. Projekte wie das SWR-Pilotprojekt WhatsUpdate zeigen, wie digitale Nachrichtenvermittlung in vertrauten Kommunikationsräumen wie WhatsApp funktionieren kann. Dabei stehen drei Prinzipien im Vordergrund: Verlässlichkeit, Transparenz und Nutzerzentrierung.
Klar wurde aber auch: Messenger-Dienste sind kein Allheilmittel, sondern ein Baustein in einem größeren medienstrategischen Wandel. Entscheidend ist ein reflektierter und verantwortungsvoller Umgang mit KI – sowohl technisch als auch redaktionell.
Ob große Rundfunkhäuser oder lokale Medien – wer journalistisch relevante Inhalte liefern und dabei neue Zielgruppen erreichen will, muss dahin gehen, wo die Menschen heute kommunizieren: in ihre Messenger. Dabei bietet KI nicht nur Effizienz, sondern auch die Chance auf neue Dialogformen – wenn sie richtig eingesetzt wird.



