ARD Trendradar 2026: Daten, Dynamiken und Perspektiven für die Medienbranche
Vertrauen, digitale Unabhängigkeit und KI-Agenten: Tasting Talk #47 zeigt strategische Handlungsfelder für Medienunternehmen auf.
Wie können sich Medienunternehmen auf eine Zukunft vorbereiten, die von künstlicher Intelligenz, Datenabhängigkeit und schwindendem Vertrauen geprägt ist? Diese Frage stand im Mittelpunkt des 47. Tasting Talks mit dem Titel „ARD Trendradar 2026: Daten, Dynamiken und Perspektiven für die Medienbranche“. Florian Schmitt, strategischer Unternehmensentwickler beim SWR, stellte den aktuellen ARD Trendradar vor und diskutierte mit den Teilnehmenden über zentrale Entwicklungen, die die Branche in den kommenden Jahren prägen werden.
ARD Trendradar: Strukturierte Zukunftsforschung statt Glaskugel
Florian Schmitt präsentierte die zweite Auflage des ARD Trendradars, der auf Basis von rund 1.000 analysierten Signalen – darunter Investments, Studien und Reports – entstanden ist. Das Ergebnis: 20 identifizierte Trends, unterteilt in zehn Fokustrends und zehn erweiterte Trends. „Wir wollen von einem Reaktionsmodus in einen Aktionsmodus kommen“, erklärte Schmitt. „Die Zukunft ist gestaltbar – und wir alle können sie mitgestalten.“
Besonders spannend seien die erweiterten Trends am Rand des Radars, so Schmitt: „Da gibt es viele Themen, bei denen man spürt, dass etwas passiert – aber man weiß noch nicht genau, in welche Richtung es geht.“ Als Beispiel nannte er „kollaborative Kreation“: Netflix habe etwa zur zweiten Staffel von „Squid Game“ mit der Sprachlern-App Duolingo kooperiert, um Nutzerinnen und Nutzern Koreanisch mit Phrasen aus der Serie beizubringen.
Vertrauen als verbindendes Element
Ein zentrales Thema, das sich durch alle Trends zieht, ist laut Schmitt das Vertrauen. „Die Demokratie steht unter Druck, und gleichzeitig sehen wir eine Sehnsucht der Menschen nach echter Nähe und menschlichem Kontakt“, betonte er. Diese Entwicklung spiegele sich in Phänomenen wie kollektivem Pudding-Essen oder gemeinsamen Kino-Aktionen wider. Für Medienunternehmen bedeute das: Präsenz zeigen, vor Ort sein und als verlässliche Anlaufstelle wahrgenommen werden.
Der SWR reagiere darauf bereits mit Formaten wie „Exit Einsamkeit“ und Pop-Up-Studios in Mainz und Stuttgart. „Wir müssen nah bei den Leuten sein, mit ihnen in Kontakt treten“, so Schmitt.
Digitale Unabhängigkeit: Eine existenzielle Frage
Ein weiterer Schwerpunkt des Trendradars ist die digitale Selbstbestimmung. Schmitt warnte vor der Abhängigkeit von ausländischen Tech-Konzernen: „97 Prozent aller Firmen in Deutschland beziehen Hard- und Software aus dem Ausland, bevorzugt aus den USA.“ Dass dieses Thema nicht theoretisch sei, zeige der Fall des Chefanklägers des Internationalen Strafgerichtshofs, dessen Amazon- und Microsoft-Konten gesperrt wurden, nachdem politischer Druck aus den USA ausgeübt worden war.
Für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk bedeute das: „Wir müssen unsere Erstplattformen stärken – dass die Leute zu uns kommen, wenn sie einen Informationswunsch haben.“ Als Beispiel nannte Schmitt die neue ARD Audiothek, die Mitte März 2026 unter dem Namen „ARD Sounds“ launchen wird.
KI-Agenten statt generativer KI: Der nächste Entwicklungssprung
Beim Thema künstliche Intelligenz plädierte Schmitt für einen differenzierten Blick. Während generative KI wie ChatGPT viel Aufmerksamkeit erhalten habe, sehe er die größeren Potenziale in KI-Agenten: „Das ist wahnsinnig spannend für Verwaltungsapparate – damit wir uns in der Medienbranche auf unser Kerngeschäft konzentrieren können.“ Laut einer aktuellen MIT-Studie hätten 95 Prozent aller Investments in KI bislang keinen oder nur geringen Mehrwert gebracht. KI-Agenten könnten helfen, bürokratische Prozesse abzubauen und Ressourcen für das Wesentliche freizusetzen.
Gleichzeitig warnte Schmitt vor den Risiken: „80 Prozent aller Suchanfragen enden nicht mehr mit einem Klick – und damit weiß man gar nicht mehr, wem man da vertraut.“ Der Club of Rome habe bereits gewarnt, dass neben der Klimakatastrophe die größte Gefahr für die Menschheit darin bestehe, nicht mehr zwischen Fakt und Fiktion unterscheiden zu können.
Fazit
Der Tasting Talk #47 hat deutlich gemacht: Die Medienbranche steht vor fundamentalen Veränderungen. Projekte wie der ARD Trendradar helfen dabei, Entwicklungen frühzeitig zu erkennen und strategisch darauf zu reagieren. Drei Prinzipien werden dabei zentral: Vertrauen aufbauen, digitale Unabhängigkeit sichern und Technologien wie KI-Agenten gezielt einsetzen.
Klar wurde aber auch: Die Trends sind kein Selbstzweck, sondern Werkzeuge zur strategischen Ausrichtung. „Wir wollen nicht der Pony Express sein“, betonte Schmitt in Anspielung auf den legendären Reiterdienst, der 1861 binnen einer Woche durch den Telegrafen obsolet wurde. „Wir kümmern uns um die Zukunft – damit wir auch in Zukunft die Angebote machen können, die die Menschen von uns erwarten.“
Der ARD Trendradar 2026 ist öffentlich zugänglich und kann kostenfrei heruntergeladen werden. Die nächste Ausgabe ist bereits für 2027 angekündigt.



